Erweiterte Fassung aus "Das
kleine Buch vom Nikolaus", Heyne Verlag, München
mit Geschichten von M. Claudius, A.Puschkin und J.W. Goethe
von Udo Schneider
Was bedeutet dieses männliche Symbol, von dem die Brasilianer wissen,
dass er vom Nordpol kommt und die meisten Deutschen südlich von Bremen
glauben, er sei ein Schutzheiliger der Kirche des 4. Jh. aus Kleinasien?
Und warum zeigt man ab Hamburg, wenn man nach ihm fragt, immer mit dem
Finger nach Norden ?
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| Joulupukki,
Julbock, St.Clauss, Baba Noel, Weihnachstmann, Diet Ma Rosz |
Überall auf der nördlichen
Halbkugel - von Skandinavien über Grönland bis nach Kanada -
haben sich im zwanzigsten Jahrhundert Santa-Claus Marketing-Gesellschaften
gebildet, die die rege Korrespondenz mit dem Weihnachtsmann vor allem
von Kindern dazu nutzen, im Dezember heftige Regionalwerbung zu betreiben.
Einmal im Jahr treffen sich alle Niederlassungen aus dem arktischen Teil
der Welt, um bei einem Glas Tee neue Marketingstrukturen zur Corporate
Identity des Nikolaus zu besprechen, die dem Ansehen der nordischen Allvaterfigur
und den vertretenden Länder Rechnung tragen sollten. Schliesslich
war und ist der Alte auch eine Frage der Ehre, geht doch für die
Völker des Nordens beim Weihnachtsmann um die positivste mythologische
Figur.
Die Eintracht der arktischen Nikoläuse dauerte bis zum Sommer 1992.
Da verkündete aus heiterem Himmel die Fraktion der finnischen Weihnachtsmänner,
sie habe das nationale und internationale Urheberrecht för weltweit
alle Weihnachtsmänner erworben. Wer sich als Vater oder Onkel künftig
die Weihnachtsmannkluft überziehe, m¸sse sich daf¸r eine
kostenpflichtige Lizenz beim finnischen Santa-Claus-Monopol holen.
Die Gemeinschaft der arktischen Nikoläuse war zerbrochen. SANTA CLAUS
FINLAND INTERNATIONAL setzte sich von Stund an nicht mehr an einen Tisch
mit den Kollegen und liess auch nicht mehr davon ab, die finnischen Alleinvertretungsansprüche
zu verstärken. Im Sommer 1993 meldete das Norwegische-Telegram-Büro:
"Norwegischer Nikolaus zeigt Finnland bei der Verbraucherschutzorganisation
an". Wie nur konnten die Finnen, mit denen man sich jahrzehntelang
so gut verständigt hatte, derartig aus der Reihe tanzen? Die Forderungen
der finnischen Marktstrategen nach einem Necklas-Monopol blieben indes
so hartnäckig wie unbewiesen.
Was die Gemeinschaft der Nikoläuse nicht wusste, war die Tatsache,
dass die Finnen guten Grund hatten, sich so reserviert zu verhalten. Denn
die Beweisführung für die unglaubliche Behauptung, dass der
echte Nikolaus einzig und allein aus ihrem Land kommt, hätte erfordert,
die Geschichte eines Mannes zu veröffentlichen, den man in der finnischen
Öffentlichkeit lieber totschweigen wollte.
Das finnische Rätsel
Der aus Helsinki stammende Historiker
Ior Bock wurde vor über 50 Jahren in einer der ältesten Familien
des Landes geboren. In den 60ern arbeitet er als Schauspieler, zuletzt
bestreitet er sein Leben als geschichtlicher Fremdenführer für
die Kommune in Helsinki. Bereits Mitte der 80er tritt er mit Informationen
an die Öffentlichkeit, die selbst die ruhigen und gelassenen Finnen
unruhig werden lassen. Denn dieser im Prinzip durchaus freundliche Mann
erzählt nicht nur eine phantastische Geschichte, er will sie auch
noch beweisen.
Bock behauptet unter anderem, in direkter Linie vom echten Nikolaus- finnisch:
Necklas oder Joulupukki- abzustammen. In Zeitungsartikeln, Radio- und
Fernsehsendungen verbreitet er, dass seine Familie, deren letztes Mitglied
er sei, in direkter Linie von den Asen, einer Art nordischer Aboriginals
abstamme, die in den Kriegswirren der nordischen Kreuzzüge im Jahr
1050 nach Lappland geflohen sei. Dort habe sich sein heidnischer Urahn,
- eben jener mit dem Bart und dem roten Mantel- auf den Berg Corvatunturi
zurückgezogen und vor den Häschern der Kirche versteckt. Er
sei nur am 6. Dezember von seinem Berg heruntergestiegen, um die
Menschen mit Symbolen und Geschenken an die alte heidnische Zeit zu erinnern,
in der Sack und Rute als eindeutig männliche Fruchtbarkeit ohne
Scham erkannt worden seien.
Tatsächlich herrscht in Finnland der allgemeine Glaube, dass der
Joulupukki (der Jul-Bock) von jenem Berg Corvatunturi kommt, der heute
noch in einem weitgehend unwegbaren Gebiet an der finnisch-russischen
Grenze zu finden ist. Wie dieser Glaube im Volk entstanden ist, darüber
schweigt man sich aus in Rovaniemi, der dem Berg relativ nahegelegenen
Poststation, 800 km nördlich von Helsinki. Von hier aus werden unter
anderem weltweit 300 000 Weihnachtskarten verschickt,- und kiloweise Rentierhornsalz
an Japaner, von dem man in Nippon glaubt, es steigere die Potenz.
Zurück zum Bock. Bei ihrer Flucht aus Finnland habe die Familie einen
288kg schweren Ziegenbock von Südfinnland mit nach Lappland genommen
und ihn in der Burg von Kajaani, 600 km nördlich von Helsinki, gemeinsam
mit den Regalien des letzten Asenkönigs, in einem Brunnen vergraben.
Nach außen reagierten die Behörden in Helsinki kühl auf
diese Einlassung zur nordischen Frühgeschichte, behaupteten, diese
Geschichte sei wohl eher, wie so viele andere, der stets lebhaften finnischen
Phantasie entsprungen. 1990 zog Bock mit einem Team von Geophysikern zur
Burgruine von Kajaani und der Detektor lokalisierte an ausgewiesener Stelle
ein großes Stück Metall in etwa 4m Tiefe.
Die staatlichen Museumswerke ignorierten dennoch alle Eingaben Bocks und
seiner Freunde. Nachdem sich der Chefredakteur einer lappländischen
Lokalzeitung hinter die Geschichtsauffassung Bocks stellte, kam es zu
einer Bürgerdemonstration, bei der 150 Bockanhänger mit der
Nachbildung eines hölzernen Ziegenbocks- dem finnischen Nationaltier-
zur Burgruine liefen und lauthals forderten, dem letzten Sproß der
Bockfamilie endlich sein Erbe zurückzugeben. Die Museumswerke verhielten
sich stur. Selbst eine Petition an den finnischen Staatspräsidenten
wurde nicht beantwortet. Schließlich verlangten die Museumswerke
50 000 FM Vorkasse, um ein vier Meter tiefes Loch zu graben. Als es dem
internationalen Freundeskreis Bocks gelang, das Geld aufzutreiben, machten
die Behörden wieder einen Rückzieher. Irgendwie schien es peinlich,
unheimlich oder lästig zu sein, sich mit der Historie dieses Mannes
zu beschäftigen, um dessen Rufmord sich einige finnische Zeitungen
von nun an planmäßig bemühten.
Tatsächlich bezieht sich die Familiensaga Ior Bocks nicht nur auf
den Nikolaus, sondern in Radio- und Fernsehsendungen wird offensichtlich,
dass dieser Mann essentielle Detailkenntnisse zur nordischen Frühgeschichte
besitzt und immer dort weiter weiß, wo die meisten Geschichtsbücher
versagen: Vergessenes über das Werden und Leben der nordischen Zivilisation
vor vielen tausend Jahren. Über 20 Jahre wurde ihm von seiner Mutter
in ausschließlich mündlicher Überlieferung zusammen
mit seiner Familienhistorie Menschheitsgeschichte aus nordischer Sicht
vermittelt, die Geschichte des Bocks, der heidnischen Allvaterfigur an
sich (In Finnland heißt diese Figur in der Jugend Lemminkäinen,
im Alter Väinämöinen, in Schweden Balder, bei uns Pan).
Unter anderem verfügt Bock über eine vollständige Auflistung
und Datierung der ersten nordischen Königsgeschlechter. Auch deshalb
kommt es im Herbst 1990 auf einem finnischen Segelboot namens "Helga"
zu einem geheimen Treffen zwischen dem schwedischen König und dem
Historiker.
Die Nacht des 6. Dezember 1990. Das ganze Land befindet sich im Freuden-und
Alkoholtaumel. Es ist finnischer Nationalfeiertag und Joulupukki gibt
sich die Ehre. Schnee und Frost haben bereits eingesetzt und es ist stockfinster.
Eine Gruppe von Unentwegten, bewaffnet mit Spitzhacke und Spaten, macht
sich auf den Weg nach Kajaani. Kurz nach Mitternacht beginnt die verschwiegene
Gemeinschaft, in der Burgruine zu hacken und zu graben. Die Freunde der
Nacht wissen genau, wo sie suchen müssen. Doch es ist zu kalt und
der Boden bereits zu Eis gefroren. Nachdem die Digger einen Kubikmeter
des Erdreiches beiseite geschafft haben, müssen sie erschöpft
aufgeben.
Am Morgen des 7. Dezember findet man an der "heissesten" Stelle
Lapplands ein 1 Meter tiefes Loch im Schnee. Von Stund lassen die Behörden
für eine Woche die Burgruine Tag und Nacht bewachen und drohen, den
Platz, wo die Artefakte vermutet werden, einzubetonieren. In der finnischen
Alternativszene bekommen die Freunde Bocks den Titel "
The Diggers for the Truth"- die
Sucher nach der Wahrheit.
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