Die finnischen Museumswerke verkaufen Interessierten
auf Anfrage immerhin eine schriftliche Dokumentation und Tonbänder
über Ior Bocks Mythologie. So recht anfreunden will man sich aber
mit seiner Geschichte immer noch nicht. Das Museum ließ kürzlich
verlauten, es wolle die Artefakte erst heben, wenn der unliebsame Stifter
dieser Geschichte, Ior Bock, verschieden sei.
Bock selbst ahnt, dass die Museumswerke ihn gern zum aktuellen Welt-Weihnachtsmann
küren würden, was vor allem SANTA CLAUS FINLAND INTERNATIONAL
bestimmt gut ins Geschäft passen würde. Für ihn selbst,
so sagt er, wäre das aber weder ehrenhaft noch rechtmäßig,
weiß er doch, dass der echte Joulupukki eine Vaterfigur mit sehr
vielen Kindern sein muß. Bock: "Es ist mir leider nicht möglich,
den Joulupukki darzustellen, da ich keine Kinder haben werde. Der letzte
echte Necklas war mein Großvater und der starb am 29. November 1897.
Ich kann niemals den Joulupukki geben, bestenfalls seinen Enkel."
Natürlich hat er sich die Hebung der Relikte seiner Familie einfacher
vorgestellt. Aber er weiß auch, dass die Fakten seiner Familiensaga
für die Behörden nicht so leicht zu schlucken sind. Der bis
auf weiteres geduldige Enkel des letzten Necklas hat indes noch mehr Überraschungen
in seinem Sack, denn die Vorgänge um die Burg in Lappland sind nur
eines der real existierenden Überbleibsel aus der Heidenzeit. Unter
anderem spricht die Bock Saga von zwei weiteren goldenen Ziegenböcken,
die gemeinsam mit drei Kristallkugeln 80km westlich von Helsinki unter
zwei Eichen vergraben worden sein sollen- in einem Gebiet, das der Kirche
gehört.
"Dieses Mal haben wir auch wieder Probleme", meint ein irischer
Wahrheitssucher, aber dafür ist es jetzt das Oberhaupt der Kirche
in Finnland, das über den Vorfall zu entscheiden hat.
Warten auf den Weihnachtsmann
Betrachtet ein unvoreingenommener Beobachter das
finnische Geschehen aus der Räckschau im Dezember 1996, so wird sichtbar,
dass immer noch ein großers Geheimnis auf dieser Geschichte liegt.
1994 versprachen die Museumswerke, im Zuge genereller Renovierungsarbeiten
an den alten finnischen Burgen als letztes Relikt aus der Vergangenheit
auch die Ruine in Kajaani zu renovieren und dabei, so versprach man, auch
die Hinweise Bocks einer kritischen Überprüfung zu unterziehen.
Zwischenzeitlich wurden die Radaruntersuchungen von einem unabhängigen
Team wiederholt und abermals bestätigt. Doch nichts geschah. Schließlich
kosten denkmalschätzerische Arbeiten Geld und noch immer verhält
es sich so, dass die Kulturverwaltung in Helsinki sich schwer tut, den
Distrikt Lappinma kulturell gleichwertig im Vergleich mit den größeren
Städten des Landes zu behandeln. Allein das Nikolaus Marketing ging
in eine erweiterte Phase: Im Zuge der globalen Sehnsucht nach dem Weihnachtsmann
hat die Finn Air immer mehr Wochenendfläge im Dezember nach Lappland
aufgelegt, um, gemeinsam mit der Tourismusbehˆrde und Santa Claus
Finland den Menschen das "Original-Joulupukki-Feeling" zu bieten.
Es gibt sogar Pläne, direkt in der Nähe von Rovaniemi eine Hˆhle
in einen Berg zu schlagen, dieselbe als Necklas-Höhle zu etikettieren,
um in der kargen Umgebung der lappländischen Mark wenigstens eine
weitere semi-authentische Attraktion zu schaffen- und nicht nur auf Geschichten
angewiesen zu sein. Der Schönheitsfehler dabei liegt einzig darin,
dass der Originalplatz sich etliche Kilometer weiter in einer fast nur
mit dem Helikopter zu erreichenden Gegend befindet, die für Touristen
wenig attraktiv ist- dafür tatsächlich authentisch.
Bocks Freunde, die den Nikolaus gern wieder auf heidnische
Fäße stellen möchten, hatten äber die Jahre einen
schweren Stand. Einige von ihnen wurden des Hanf-Gebrauchs überführt
und wurden fär einige Zeit hinter finnischen Gardinen weggeschlossen.
Erst Mitte der 90er begriff die Öffentlichkeit, dass die Sucher nach
der Wahrheit daselbst keine Teufel waren und auch keine wirklichen Kriminellen,
gehört Rauchhanf doch seit jeher zu den Requisiten des Alten vom
Berge und scheint- betrachtet man sich die Liberalisierungskampagnen etwa
bei uns in Deutschland- am Ende eher gesund als schädlich zu sein.
Den Lappen selbst macht das nichts, denn sie wissen schon immer darum,
dass die Wahrheit um das Licht und den Lichtbringer bei ihnen liegt. Zurt
Wintersonnenwende liegt für drei Tage der gesamte Norden in tiefer
schwarzer Nacht. Aber von nun an wird es wieder heller werden, daher feiert
man das Julfest. Das Leben wird weitergehen und das Licht wird begrüßt
werden in einer rauschenden Party, bei der sich die schönsten Frauen
die stärksten Männer aussuchen werden, um mit ihnen im nächsten
Jahr Kinder zu zeugen. So war das schon immer im Norden. Daß der
Lichtbringer, der die rauschende Pary veranstaltet, in der Heidenzeit
der Sohn von Joulupukki war, macht die Sache fast komplizierter, denn
nach der Christianisierung geriet der Stammesfärst, der nur ein wenig
zu Ehren der Erde feiern wollte-zum Lucifer.
1996 ging Bock noch einmal in die Offensive und ließ
erstmalig ein Hard Cover Buch publizieren, in dem er weite Teile seiner
Mythologie erstmalig nach 12 Jahren schwarz auf weiß präsentierte.
Väinämöisen mytologia, Bockin Perheen Saaga.
Es gibt kaum eine Gegend auf der Erde, auf der es ein so
dichtes elektronisches Netz gibt wie in Skandinavien. 64 Satellitenkanäle,
diverse Mobilfunknetze und das Internet in jedem Haushalt. Es ist diese
Art konzentrierter Virtualität, vor deren Hintergrund sich immer
mehr Schweden, Norweger, Finnen fragen, woran man eigentlich eine wichtige
Information erkennt. Und in der Isolation der arktischen Nacht gilt die
Begegnung von Mensch zu Mensch immer noch mehr als jeder Monitor. In der
erzählten und erfahrenen Wirklichkeit können wir abschätzen,
was wir von der Vergangenheit äberhaupt noch erinnern können
und was vom Sog der elektronischen Netze bereits absorbiert ist und der
persönlichen Erinnerung nicht mehr zur Verfügung steht.
So hat die Suche nach Identität erst zuletzt, dafür aber mit
aller Macht auch die Skandinavier ereilt. Und ein ums andere Mal wird
es kalt und dunkel werden müssen, damit wir uns daran erinnern, dass
es bis auf weiteres nicht der Bildschirm ist, sondern die Naturgesetze,
die über unser Werden und Vergehen bestimmen.
Finnland hatte noch kaum Zeit, um sich innerhalb einer
eigenen kulturellen Identität zu orientieren. Bis zum Jahr 1918 gab
es kein Finnland sondern eine russisch besetzte Provinz, die davor für
viele hundert Jahre den Schweden gehörte.
Wenn wir das Vermächtnis des Bocks ernster nehmen wollen, als wir
es gegenwärtig können, werden wir nicht umhin kommen, bei der
Suche nach der Wahrheit etwas weiter zu gehen als nach nur nach dem "echten"
Nikolaus zu fragen. Denn Bock offenbart Elemente einer Geschichts- und
Evolutionstheorie, die heilsamen Sand im alltäglichen Kulturgetriebe
darstellt. Da ist nicht nur die Rede von Königsgeschlechtern, dem
Garten Eden, Walhalla und Atlantis, sondern auch von einem unterirdischen
Tempel in der Nähe von Helsinki auf dem Bockanwesen. Und von einem
Ur-Alphabet in der Ursprache der Asen, die dem schwedischen vorausging.
In Bocks Familiensaga wird unter anderem angedeutet, dass die finnischen
Ureinwohner wohl mit zu den ältesten Menschen auf der Erde gehören
und dass auch die These von der finno-ugrischen Einwanderung vor 3000
Jahren eher in das Land der Legenden zu verweisen ist.
Für ein bürgerliches auf christlichem Glauben beruhendes Kulturwesen
ist die Geschichte Ior Bocks durchaus heikel. Denn noch immer kann offiziell
nicht sein, was nicht sein darf:
Möglicherweise muß auch
davon ausgegangen werden, dass die Bock- oder Panfigur, die vor der Christianisierung
für das Gottesprinzip an sich gestanden haben mag, im Zuge des neuen
Glaubenssystems nach der Christianisierung mehr und mehr verteufelt wurde-
bis heute. Ob mit Grund oder ohne, mag bis auf weiteres dahingestellt
bleiben. Interessant dabei ist allein die Frage, ob und wann die Menschheit
in der Lage sein wird, die vollständige Familiengeschichte des echten
Nikolaus zu hören- bevor wir uns vom Prinzip eines rein männlichen
Schöpfergottes verabschieden. Es ist durchaus damit zu rechnen, dass
diese Geschichte zumindest den Finnen helfen wird, die totale Erinnerung
an ihre und unsere Vergangenheit zurückzuerhalten-.
P.S. Als kleine Zugabe hier noch ein kleines Nikolaugeschenk
für all diejenigen, die bis hierhin durchgehalten haben: Die TAZ
ist eine liberale Tageszeitung, die in Berlin erscheint. Weihnachten 1991
veröffentlichte sie einen kurzen Artikel über
das Verhältnis des Weihnachtsmannes zum Teufel.
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